Der andere Amoklauf?

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Gesellschaft / Medien

Heute war ich morgens schon im Auto verwundert. Im Radio kamen die Nachrichten und u.a. wurde auch von dem Amoklauf in Lörrach berichtet, wohlgemerkt unter anderem. Ich erinnere mich noch sehr gut an den Amoklauf in Winnenden, als die Berichterstattung viele Tage anhielt und man das Gefühl hatte, es ist das einzige, worüber noch berichtet würde. Auch in politischen Kreisen sah sich damals so ziemlich jeder wichtige wie auch unwichtige Akteur bemüßigt, eine mehr oder weniger qualifizierte Äußerung von sich zu geben (welcher Politiker kann sich in einem solchen Falle überhaupt qualifiziert äußern?).

Nun, vielleicht war es heute Morgen einfach nur der Kürze der Radiomorgennachrichtensendung geschuldet, dass nicht mehr berichtet wurde. Ich nahm mir fest vor, meine Feststellung heute Abend bei der Tagesschau zu überprüfen. Und tatsächlich: der Aufmacher war unsere Kanzlerin Frau Merkel auf dem Milleniumsgipfel der Vereinten Nationen in New York mit der Forderung nach mehr Eigenverantwortung und Selbstverpflichtung der Entwicklungsländer beim effizienten und richtigen Einsatz der Hilfszahlungen (übrigens in Anbetracht dessen, dass die Zeit bis zum Erfüllen der Milleniumsziele in 2015 nun doch langsam knapp und die Erreichung der Ziele mehr als fraglich wird ein verständliches Vorgehen, um schon langsam die Klärung der Schuldfrage beim Scheitern in 2015 einzuleiten). Zweifelsohne sicher eine wichtige Meldung, doch hinsichtlich der uns aus der Vergangenheit geläufigen Amoklauf-Berichterstattung wenigstens bemerkenswert.

Die Nachricht zum Amoklauf in Lörrach kam dann erst später in der zweiten Hälfte der Sendung, eher kurz gehalten und verbunden mit dem Verlesen EINES Politiker-Kommentars (ich meine von der unvermeidlichen Claudia Roth).

Ohne dieses Thema nun tatsächlich seit gestern intensiv und schon gar nicht über den ganzen Tag verfolgt zu haben, so scheint mir die Berichterstattung über diesen von einer Mutter und Frau verübten Amoklauf doch sehr zurückhaltend zu verlaufen. Keine Ahnung, ob es gestern einen Brennpunkt dazu gab. Heute zumindest wurde keiner gesendet. Diese Tat, noch dazu mit Opfern in der Familie der Amokläuferin, wird von den Medien wie auch den Politikern sehr verhalten kommentiert, Meinungen zu Ursachen und Gründen, die diese Frau zu dieser extremen Handlung geführt haben könnten, werden kaum kundgetan. Ja sogar vermeine ich bei einigen Kommentaren ein gewisses Mitleid für die Dame zu vernehmen.

Um ehrlich zu sein, empfinde ich diesen Umgang mit dem Thema sehr nachvollziehbar und verständlich. Es zeigt doch mal wieder, dass es in einem Menschen ganz schrecklich dunkel aussehen kann, ohne dass es dessen Umwelt mitbekommt. Es zeigt aber auch, dass wir uns im Falle eines von Jungs oder jungen Männern verübten Amoklaufs leichter tun mit (vermeintlichen) Erklärungen und die Medien ebenso bei der entsprechenden Berichterstattung eine größere Ursachenvielfalt (er)finden. Auch das Täter-Opfer-Bild scheint hier klarer und schneller gezeichnet zu sein.

In beiden Fällen ist zu vermuten, dass es vielfältigere Gründe für die Tat gibt, als wir uns als Außenstehende erklären können und wir vermutlich auch in Zukunft vor allem mit Schrecken, Entsetzen und Nicht-Verstehen auf solche Amokläufe schauen werden.

Der Autor

Systemisches - Denken - Wirtschaften

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