#article_ Ein Buch von Héctor Abad: „Brief an einen Schatten – Eine Geschichte aus Kolumbien“

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Literatur / Politik

Heute möchte ich Euch ein Buch vorstellen. Ursprünglich habe ich es mir ausgesucht, da ich darüber gelesen hatte, es handele von einer realen Vater-Sohn-Beziehung. Und da ich Sohn eines Vaters bin und mir die in einer solchen Beziehung (angeblich) manchmal bestehenden Spannungen nicht unbekannt sind, erhoffte ich mir wieder mal etwas mehr Verstehen und Erkenntnis aus diesem Buch für diese Themen.

Gleichzeitig interessierte mich der Bezug zu Kolumbien, da ich über dieses Land außer der üblichen Drogen-Themen (Medellín!) eigentlich nichts weiß, keine Geschichte, nur wenig politisches (zuletzt die Friedensabkommen mit den FARC-Rebellen).

Das Buch handelt von Héctor Abad (der Vater heißt tatsächlich wie sein Schriftsteller-Sohn). Er war Mediziner und hat sich zeitlebens für ein besseres Gesundheitswesen in Kolumbien eingesetzt und letzten Endes sogar sein Leben dafür geopfert. Sein Sohn, der Schriftsteller, erzählt in dem Buch viel über die Familie Abad, deren Leben in Kolumbien, ihre religiösen Ausrichtungen, über tägliche Probleme in einem politisch stark ambivalenten Umfeld. Und natürlich erzählt er insbesondere sehr viel über das Verhältnis zu seinem Vater und wie dieser, insbesondere ihn, den einzigen Sohn, liebevoll behandelte.

Und letzteres ist für mich eine der Grundaussagen des Buches. Es geht vor allem auch darum, wie ein Vater seinen Kindern bedingungslose Liebe entgegenbringt und ihnen sein Bild eines lebenswerten und sinnerfüllten Lebens vermittelt. Einerseits wurden also meine „Hoffnungen“ enttäuscht, in dem Buch mehr über komplexe Vater-Sohn-Beziehungen zu erfahren. Andererseits bin ich dafür oft zutiefst darüber gerührt gewesen, wie Abad diese bedingungslose Liebe des Vaters zu sich beschreibt und ich nehme viel aus diesem Buch für meine eigene Rolle als Vater und meinem gewünschten Verhältnis zu meinen Kindern mit (und das meint nicht speziell Söhne).

Hier ist eine solche Stelle:

„Ich spürte sehr intensiv, dass er Vertrauen in mich hatte, ganz gleich, was ich tat, und große Hoffnungen in mich setzte, obwohl er mir immer wieder versicherte, ich müsse nicht unbedingt etwas erreichen, allein die Tatsache, dass ich existierte und glücklich war, egal wie mein Leben aussah, mache ihn froh. Das bedeutete einerseits große Verantwortung, aber keine übermäßige Last, denn jedes noch so kleine, lächerliche Ergebnis machte ihm Freude, meine ersten literarischen Skizzen entlockten ihm Begeisterungsstürme, das abrupte und unverständliche Hin und Her meiner Ansichten interpretierte er als exzellente Bildungspraxis, meine Unbeständigkeit im Leben und in ideologischen Fragen als genetische Veranlagung, unter der auch er litt, etwas Unvermeidliches in einer Welt, die sich vor unseren Augen ständig veränderte. Niemals, weder als ich viermal das Studienfach wechselte noch als ich von der Universität geworfen wurde, weil ich etwas gegen den Papst geschrieben hatte, nicht als ich arbeitslos war, eine Tochter zu ernähren hatte und mit meiner ersten Frau in wilder Ehe zusammenlebte – nie kamen Vorwürfe oder Klagen, mein Leben und meine Unabhängigkeit akzeptierte er mit Offenheit und Toleranz. Ähnlich verhielt er sich auch meinen Schwestern gegenüber. Nie trat er als Zensor oder Inquisitor in Erscheinung, unsere Verfehlungen nahm er als unschuldigen Schabernack hin. Er fand wohl, dass jeder Mensch dazu verurteilt sei, zu sein, wie er ist, dass es keinen Stock gibt, der ihn geradebiegt, keine schlechte Gesellschaft, die ihn ganz und gar verbiegt.“

In diesen Momenten hat das Buch seine Stärken. Die Beschreibung dieser Liebe des Vaters zu seinen Kindern und dem unerschütterlichen Vertrauen, was er ihnen entgegenbringt. Oft habe ich mir beim Lesen gewünscht, selber schon viel früher solche Erkenntnisse für mein Verhältnis zu meinen Kindern erlangt zu haben. Leider kam dies erst ansatzweise in den letzten Jahren bei mir auf und nach dem Lesen solcher Passagen wie oben sehe ich mich daran bestärkt und hoffe, dass es noch nicht zu spät ist, meinen Kindern dieses wundervolle Vertrauen in ausreichendem Maße mitzugeben.

Meine zweite mit dem Buch verbundene Hoffnung, nämlich etwas mehr über das politische Kolumbien zu erfahren, wurde gut erfüllt. Auch wenn die Informationen oftmals eher blitzlichtartig und natürlich nicht in zeitlicher Folge erzählt werden, so bekommt man doch ein Grundgefühl für das Land und die Neugier, mehr darüber zu erfahren, wird verstärkt.

Manchmal wiederholt sich Abad im Verlaufe des Buches zu bestimmten Ereignissen, sodass ich mir nicht sicher war, ob das absichtlich oder versehentlich geschehen ist. Dies trübt aber nicht meinen positiven Gesamteindruck des Buches und deshalb kann ich es wirklich empfehlen. Und wer weiß, vielleicht hat es ja doch Einfluss auf die Beziehung zu meinem Vater. Allein, dass ich es aus dem oben beschriebenen Grund ausgesucht und gelesen habe, könnte ja schon eine Veränderung sein?!

Der Autor

Systemisches – Denken – Wirtschaften

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